Albanien, erste Eindrücke

Albanien fühlt sich wie die erste große Veränderung auf dieser Reise an. Man hat den Eindruck plötzlich mehrere Jahrzehnte zurück katapultiert worden zu sein. „Ist das denn nicht gefährlich, Jung'?“ hatte Opa am Telefon besorgt gefragt. „Aber nein, bestimmt nicht.“, hatte ich geantwortet. Teils um ihn und teils um mich selbst zu beruhigen. Die Wahrheit ist, dass man uns in allen Ländern vor Albanien gewarnt hat. Immer hieß es, wir sollen gut auf uns und besonders auf unsere Sachen aufpassen. So kam es, dass wir uns selbst nicht mehr ganz sicher waren, wie wir uns fühlen sollten. Die Realität ist eine Andere...

 

Auf den Landstraßen treffen wir auf alte Bauern, die ihre drei Kühe zur nächsten Weide treiben und auf Kutschen, die von kleinen Eseln gezogen werden. Wer es sich leisten kann fährt seine Frau auf dem Mopet in das nächste Dorf, während viele einfach nur mit alten Fahrrähdern unterwegs sind. Hier ist das Rad noch ein richtiges Nutzfahrzeug, auf dem man sowohl, fünf Säcke Kartoffeln als auch lange Wasserrohre transportieren kann. Mit unseren modernen Rädern fallen wir sofort auf und manchmal fällt es mir schwer mich nicht unwohl zu fühlen in der Haut des reichen, verwöhnten Fahrradtouristen. Keiner lässt uns das jedoch spüren, im Gegenteil. Kinder rennen über den ganzen Schulhof und drücken ihre braunen Wangen an den Zaun während sie uns lauthals zurufen und winken. Fast jede Person, der wir begegnen, grüßt uns mit einem breiten Lächeln und Handzeichen. Wurden, wir bisher auch außerhalb der Saison manchmal als Geldbeutel auf Rädern betrachtet, ist es hier ganz anders. Je weniger die Menschen haben, desto mehr scheinen sie uns geben zu wollen und es ist schwer, ja fast unmöglich, dieser Großzügigkeit zu entkommen.

 

Emiliano verdient pro Monat umgerechnet 300 € und muss damit für seine Eltern und für seine Schwester sorgen und doch ist er nicht davon abzubringen uns ein Bier auszugeben. Sein großer Traum ist es eines Tages nach Deutschland zu reisen. In unserem jeweils besten Italienisch ist es nicht leicht uns zu verstehen. Manchmal schweift sein Blick durch den Raum und er seufzt „Albania, Albania...“ Ich komme mir dumm vor, wenn ich bekräftige, wie schön ich es hier finde. Es ist natürlich nicht schwer für mich, es hier schön zu finden, denn ich muss hier nicht leben und nicht arbeiten. Das hat auch der 16 jährige Luti schon verstanden, der mich heute spontan durch halb Tirana geführt hat. Er träumt von Österreich und kann sich vor lachen kaum halten, wenn ich abermals versuche ihm einige Worte auf Albanisch nachzusprechen. „Albania? It's shit!“ sagt er entschlossen.

 

Albanien bietet sich mir wie das Land der Gegensätze. Auf den Straßen werden alte Eselskutschen von dicken BMWs mit verdunkelten scheiben überholt. Alle erzählen uns, dass sie für Albanien nicht viel übrig haben und am liebsten von hier weg möchten aber an fast jedem Fenster hängt eine große Landesflagge um den hundertsten Geburtstag des Staates zu feiern. Die ökonomische Situation der Mehrzahl der Menschen scheint desaströs, doch die Gesichter strahlen Wärme und Lebensfreude aus...

Das alles sind natürlich nicht mehr als die ersten Eindrücke nach etwas mehr als 48 Stunden auf albanischem Boden. Zwar sind wir nur wenige Kilometer von Motenegro und Griechenland entfernt und doch sind wir in einer etwas anderen Welt.

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